Die Entwicklung des Rechtsrahmens für unsere Klimapolitik verlief bisher über einen fast 30-jährigen Zeitraum, der vor allem durch die Erwartung knapper werdender Ressourcen geprägt war. Die Entdeckung der Brisanz des jetzt erstmalig spürbaren Klimawandels weckt langsam die Ahnung, dass dieser Rechtsrahmen dringend einer gravierenden Überarbeitung bedarf, die sich vor allem an der Leitgröße Treibhausgasminderung orientiert. In der aktuellen Debatte zum Klimaschutzgesetz geht es aber immer noch um das Verteidigen von Besitzständen einzelner Interessengruppen. Sollte man einen Sektor, dem die Verminderung schwer fällt, aussparen? Etwa den Verkehrssektor, in dem quasi gar keine Einsparungen seit 1990 erzielt wurden? Der Nationale Klimaschutzplan2050 der Bundesregierung vom November 2016 hat sich klar für eine Verteilung auf alle Schultern entschieden. Ihm kann man auch entnehmen, dass der Gebäudesektor bisher insgesamt die größten Verminderungserfolge mit -43 % zu verzeichnen hat. In der nächsten Etappe bis 2030 soll er noch einmal von der aktuellen Basis von 119 Mio. t (2014) 40 % vermeiden, was jetzt 48 Mio. t CO2äq ausmacht. Wenn man darauf verweist, dass man bereits viel geleistet hat, ist das nicht von der Hand zu weisen. Wenn man aber auf das europäisch vereinbarte Ziel von nahe-Null-THG-Emissionen in 2050 schaut und die langen Investitionszyklen bei Gebäuden betrachtet, muss man dringend neue Leitplanken schaffen, die die Richtung zur gezielten Sanierung festlegen.

 

 

Gesetzeslage vor dem Umbruch?

Natürlich hat auch dieser Sektor seine Interessenvertreter aus der Dämmstoffindustrie oder bei den Kesselproduzenten und in der Immobilien- oder Wohnungswirtschaft, ganz zu schweigen von den Mietervertretern. Allen gemeinsam ist es bisher gelungen, die Schlacht um eine notwendige und gravierende CO2-Minderung für den dominierenden Bestand „abzuwehren“, indem die Gesetzgebung (Wärmeschutzverordnungen 1978, 1984 und 1995 und dann in den EnEV-Standards 2002, 2009 und 2014/16) lange vor allem auf den Neubau und auch die steigenden Anforderungen an den Gesamtwärmedurchgangskoeffizient oder den Primärenergieverbrauch ausgerichtet  war. Der aktuell vorliegende Entwurf des Gebäudeenergiegesetzes will die erneuerbaren Energien zwar integrieren, führt über diesen Grundzustand aber nicht hinaus. Die Absage einer Gebäudekommission, die ähnlich wie im Bereich der Stromerzeugung zu einem Verhandlungsergebnis zwischen den Kontrahenten hätte führen können,  ist ein weiteres Zeichen dafür, wie schwer es der Bundesregierung fällt, überhaupt in der aktuell größten Herausforderung für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft konstruktive Politik zu organisieren.

 

Wie kann es im Gebäudesektor zu einer weitgehenden Klimaneutralität kommen?

Die Antwort ist eigentlich einfach: Alle politischen Maßnahmen müssen darauf ausgerichtet werden, dass das Hauptziel der CO2-Reduktion mit der größtmöglichen Freiheit für Kreativitätsentfaltung unter Beachtung sozialer Gerechtigkeit bei den Eigentümern fest im Blick ist. Dabei ist der Gebäudesektor ein Feld, in dem es relativ einfach ist, Verluste zu vermindern, die mit alter Technik und lange überkommenen Planungsmethoden zusammenhängen. Weiter ist das Temperaturniveau dieses Wärmebedarfs vergleichsweise niedrig und relativ leicht durch natürliche Energiequellen in der Umgebung des Gebäudes darzustellen. Wieso überlässt man es nicht den Eigentümern, sich die Planer zu suchen, die mit möglichst geringem Aufwand an dem jeweiligen Ort eine möglichst hohe CO2-Minderung erzielen? Aus der aktuellen Sackgasse der bisherigen EnEV und der Bindung an fossile Energieträger heraus muss es endlich in diese Richtung gehen. Und konkrete Ergebnisse sollten als Belege für die Erfüllung der Verpflichtung gegenüber den kommunalen Bauämtern dienen.

 

Welche Treiber bestimmen den Prozess bei den Wohngebäuden?

Ein Blick auf eine Auswertung des Umweltbundesamtes von 2018 zu wesentlichen Sektoren der CO2-Emissionen[1] kann einen guten Eindruck davon vermittelt, wo wir aktuell stehen und was wir mit den aktuellen Rahmenbedingungen seit 1990 erreicht haben. Mit Hilfe einer Komponentenzerlegung können die wichtigsten einzelnen Einflüsse auf die CO2-Minderungen einzelner Jahre dargestellt werden.

 

 

Fig.1 Ergebnis der Komponentenzerlegung CO2-Emissionen im Wohngebäudesektor auf die
Einflüsse: Flächenbedarf, Bevölkerung, Effizienz, Brennstoffmix, Erneuerbare Energie1

Statt den gesamten Gebäudesektor zu analysieren und damit auch alle Nichtwohngebäude in die Analyse einzubeziehen, findet hier eine Konzentration auf den durch valide Daten gekennzeichneten Wohnungsbestand statt. Unabhängig von Eigentumsverhältnissen und natürlich verschiedenen Randbedingungen für Mehr- und Einfamilienhäuser wird hier ein strategischer Überblick angestrebt. Für 1990 lagen die CO2-Emissionen dieses Bereichs bei 129 Mio. t. Die 1990er Jahre waren durch die dringende Notwendigkeit von Sanierungen im Osten Deutschlands gekennzeichnet und auch durch einen wachsenden Neubau. Verschärfungen der EnEV führten Schritt für Schritt bei den insgesamt 996 Mio. m² zusätzlichem Bestand (+37 %) zu geringeren Verbrauchskennwerten. Die Sanierung des Bestandes kam jedoch über das Niveau von rund einem Viertel (EZFH 22 %, MFH 23 %) nicht hinaus. Die oben stehende Grafik macht deutlich, dass eine Minderung trotz erheblichem Anstieg der pro Kopf genutzten Wohnfläche (+29 % CO2) und einem leichten Anstieg der Bevölkerung (+3 % CO2) erreicht werden musste. Ebenfalls wird deutlich, dass auch eine Veränderung des fossilen Brennstoffmixes (-14% CO2) und des Umstiegs auf erneuerbare Energie (-13 % CO2) mit  zur Minderung beigetragen hat, dass aber der größte Einfluss durch Energieeinsparungen (-31 % CO2) erzielt werden konnte.

 

44 Millionen Tonnen: schon geschafft. 34 Millionen Tonnen: noch  zu gehen

Die Nettoreduktion der CO2-Emissionen belief sich damit auf 44 Mio. t. Eine weitere Verminderung um 34 Mio. t entspricht dem Ziel der Bundesregierung von -40 % bis 2030. Die Grundlagenuntersuchungen zur Gebäudestrategie gehen davon aus, dass der Zubau nur noch moderat von 3,77 Mrd. m² auf 3,9 Mrd. m² verlaufen wird, dass aber aufgrund der leicht rückläufigen Bevölkerung auf 79,1 Mio. noch eine leichte Zunahme der pro Kopf genutzten Fläche auf 49 m²/Person (2015: 45,9 m²/P) stattfinden wird. Eine tiefergehende Auswertung der UBA-Analyse zeigt, dass sich der durchschnittliche Heizenergieverbrauch von 197 kWh/m² auf 133 kWh/m² (-32 %) verringert hat und dass die spez. CO2-Emissionen von 47,5 kg/m² auf 26,9 kg/m² (-43 %) abgenommen haben. Hierzu haben die Neubauten mit ihrem geringeren spezifischen Verbrauch immer noch 29 kg/m² beigetragen, die auf der anderen Seite aber auch den Gesamtenergieverbrauch von 546 TWh in 1990 um rund 120 TWh erhöht haben. Der Rückgang des Anteils der Ölversorgung (1995: 36 %, 2011: 20 %) hat die spezifischen Emissionen der fossil basierten Beheizung von 241 g/kWh auf 202 g/kWh gesenkt.

In der folgenden Grafik sind die aus den genannten Effekten resultierenden CO2-Emissionen dieses Sektors dargestellt (Die Kreise der oben stehenden Grafik). In der Auswertung der Trendlinie sind die beiden besonders kalten Jahre mit hohen Energieverbräuchen und entsprechenden CO2-Emissionen (1996, 2010) nicht berücksichtigt. Es soll deutlich gemacht werden, dass alleine der Trend nicht zu der Ziellinie 51 Mio. t im Jahr 2030 führt.

 

 

 

Fig.2 CO2-Emissionen der Gebäudewärme des Sektors Wohnen seit 1990 und Ergebnisse
der Trendentwicklung bzw. nötigen Korrektur[2]

 

 

Ran an den Bestand. Mit Erneuerbarer Wärme!

Wie man sieht, ist das Ziel 51 Mio. t aber daran orientiert, die Klimaneutralität im Jahr 2050 erreichen zu können. Die kaum noch erforderliche Erweiterung der Gesamtwohnfläche bei leicht abnehmender Bevölkerung wird keinen Beitrag zur schnellen Absenkung der durchschnittlichen Verbrauchswerte liefern wie in der Vergangenheit, so dass sehr viel schneller als bisher (in 25 Jahren) CO2-Minderungen im Bestand erreicht werden müssen. Bei 3,9 Mrd. m² bedeutet die Ziellinie 51 Mio. t eine Halbierung der spez. Emissionen auf 13,1 kg/m², was durch die Halbierung des gesamten Endenergieverbrauchs auf 65 kWh/m² oder eine starke Verschiebung zu erneuerbaren Wärmequellen erreicht werden kann. Die nötige vollständige Substitution von Heizöl durch Erdgas kann diesen Zweck allein nicht erfüllen. Mit der vom BEE geforderten Erhöhung des EE-Wärmeanteils auf 30 %[3] kann er dagegen erreicht werden.


 

Fazit

  • Für die Erreichung der Klimaziele im Gebäudesektor ist die Fokussierung auf den Altbestand an Wohngebäuden unabdingbar.
  • Leitgröße muss dazu die CO2-Minderung werden
  • Eine stärkere Nutzung erneuerbarer Energieträger (mindestens 30% in 2030) kann dafür die Wirtschaftlichkeit verbessern.
  • Der aktuelle Entwurf zum Gebäudeenergiegesetz (Stand Juli 2019) wird den Herausforderungen des Klimanotstandes in keiner Weise gerecht.
  • Im Sinne der THG-Emissionsbegrenzung ist es besonders wichtig, Eigentümern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam mit ihren Planern, die auf ihr Objekt zugeschnitten wirtschaftlich optimierten individuellen Lösungen zu finden.
  • Nicht zuletzt sollten Belege zur tatsächlichen CO2-Minderung gegenüber den kommunalen Bauämtern erbracht werden.

FEE Fördergesellschaft Erneuerbare Energien e.V.

Dr. Georg Wagener-Lohse

Vorstandsvorsitzender

Invalidenstraße 91

10115 Berlin

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[1] Komponentenzerlegung energiebedingter Treibhausgasemissionen mit Fokus auf dem Ausbau erneuerbarer Energien, Umweltbundesamt, CLIMATE CHANGE, 15/2018.

[2] Komponentenzerlegung energiebedingter Treibhausgasemissionen mit Fokus auf dem Ausbau erneuerbarer Energien, Umweltbundesamt, CLIMATE CHANGE, 15/2018.

[3] BEE-Stellungnahme - zum Entwurf eines Gesetzes zur Einsparung von Energie und zur Nutzung Erneuerbarer Energien zur Wärme- und Kälteerzeugung in Gebäuden (Gebäudeenergiegesetz – GEG), Seite 5, Jun 2019