10.08.2020 | Wien


Herr Pfemeter, nach den jüngsten politischen Entscheidungen in Österreich ist die Biomasse im Aufwind. Vor allem der zusätzliche Ausbau von 1 Terrawattstunde Erneuerbarer Energie bis 2030 könnte für einen Schub in der Branche sorgen. Was denken Sie, welche Marktsegmente könnten davon besonders profitieren?

Aktuell wird diskutiert, die Hälfte des Ausbaus im Leistungsbereich unter 500 KWel zu realisieren. Das dürfte besonders der Holzgas-KWK-Technologie zugutekommen. Auch in anderen Bereichen sehen wir positive Entwicklungen. Mit dem Ausstieg aus der Ölheizung und der notwendigen Defossilisierung der Fernwärme rechnen wir auch im Wärmebereich mit steigender Nachfrage nach Bioenergie-Technologien. Holzgas-Anwendungen werden aufgrund der nicht vorhandenen Feinstaubemissionen auch im Wärmebereich immer beliebter werden.

 

In Zukunft wird auch eine bestimmte Quote synthetischer Gase in das bestehende Erdgasnetz eingespeist. Ist das der erhoffte Durchbruch für Holzgas?

Das wird auf die konkrete Ausgestaltung der Quote ankommen. Holzgas zur Einspeisung ins Erdgasnetz ist aufgrund des niedrigeren Technologiereifegrades im Vergleich zu Biogas etwas benachteiligt. Vielversprechend ist allerding der Ansatz Local Green Gas-Anlagen für die Erreichung der Quote anzuerkennen. Beispiel wäre hier der direkte Ersatz von Erdgas durch Holzgas in Gasbrennern für die Prozesswärme. Die Anforderungen an das Holzgas wären geringer als für die Einspeisung, wodurch die Konkurrenzfähigkeit steigt.

 

Es gibt einen weiteren starken Treiber: Dass Österreich bereits bis 2040 klimaneutral werden soll, wird zu einem Technologieswitch in der Landwirtschaft führen. Konkret läuft es auf die Umstellung von einigen 100.000 Fahrzeugen in der Traktorenflotte hinaus. Welche Rolle spielt Holzgas dabei?

Es wird eine Kombination verschiedener Antriebsarten geben. Neue Antriebsarten werden Schritt für Schritt eingeführt werden, aber auch viele herkömmliche Traktoren werden 2040 noch in Betrieb sein. Die vorzeitige Umrüstung der österreichischen Traktorenflotte erscheint unrealistisch, da bis 2040 über 20 Milliarden Euro zusätzliche Investitionen aufgebracht werden müssten. Holzgas wird eine Schlüsselrolle in der Landwirtschaft zukommen. Einerseits als Basis für die Produktion von Treibstoffen, die ohne Umrüstung in der aktuellen Flotte einsetzbar sind –sogenannte Drop In Fuels. Und andererseits  als Basis für künftige Treibstoffe wie erneuerbares Gas, Wasserstoff oder Methanol. 

 

Der Österreichische Biomasse-Verband setzt auf ein großes Forschungsvorhaben der TU Wien. Hier sollen mittels der Fischer-Tropsch-Synthese synthetische Kraftstoffe produziert werden. In welchen Dimensionen käme Holzgas hier zum Einsatz?

Aktuell gehen wir von einer Brennstoffwärmeleistung der Vergasung von 5 Megawatt aus, die mit zwei Synthesen ergänzt werden soll. In der einen sollen flüssige Biotreibstoffe, in der anderen einspeisefähiges Gas erzeugt werden. Es geht hier vor allem um die Errichtung eines Reallabors, das alle Komponenten einer großindustriellen Anlage aufweist und Fragestellungen für das Upscaling der Technologie beantwortet, von der Rohstofflogistik über die Produktion bis hin zum Einsatz der Endprodukte.  Aktuell zeichnet sich ab, dass Anlagen mit einer Brennstoffwärmeleistung von 100 MW für die FT-Treibstoffproduktion eine brauchbare Größe darstellen. Neun dieser Anlagen würden ausreichen, um die komplette heimische Land und-Forstwirtschaft auf erneuerbare Treibstoffe umzustellen. Genügend Schadholz wäre vorhanden.